Schritt für Schritt von der Sucht wegkommen

Treppe im Wald.

Ich schreibe heute über einen der Gründe, warum ihr so oft scheitert, wenn ihr euch gute Vorsätze macht und versucht, von eurer Sucht wegzukommen.

Ihr kennt das doch: ihr nehmt euch vor:

  • ab morgen stopfe ich mich nicht mehr mit Essen voll,
  • ab morgen sauf ich nicht mehr,
  • ab morgen geh ich nicht mehr in die Spielhalle,
  • ab morgen kein Porno mehr …
  • usw. je nachdem was EURE Droge ist.

Das nehmt ihr euch fest vor, mit gutem Willen und guten Absichten. Und dann haltet ihr das einen Tag durch, zwei Tage, manche sogar ein paar Wochen. Aber dann irgendwann scheitert ihr doch wieder.

Und so geht das immer wieder von neuem.

Und auf Dauer wird es dann mit der Sucht immer schlimmer.

  • Zum einen ist das deshalb, weil ihr euch echt mies fühlt, wenn ihr nachgebt und scheitert. Dann nehmt ihr gegen dieses schlechte Gefühl noch mehr von eurer Droge Essen, Zocken, Porno, Alkohol oder was auch immer.
  • Zum anderen, weil es in eurem Gehirn etwas gibt, das in der Wissenschaft „Suchtgedächtnis“ genannt wird.

Damit ist gemeint, dass sich eure Nervenzellen im Gehirn so zusammengeschlossen haben,

… dass für ein typisches Problem in eurem Leben …

=> z.B. Spannung, emotionale Leere, Wunsch nach Zuneigung, Selbsthass…

… eine bestimmte Lösung vorhanden ist …

=> z.B. Surfen auf Pornoseiten im Internet, Saufen, Zocken, Fressen, Gras.

Dies ist über viele Jahre hinweg im Gehirn entstanden, zusammengewachsen und fest zementiert. Seid ihr in einer bestimmten Situation, kommt ein bestimmter Auslöser, dann erscheint auch sofort die (vermeintliche) Lösung (Porno, Alkohol, Fett, Spielautomat etc).

Dabei berücksichtigt das Gehirn nicht den Unterschied zwischen kurzfristiger Befriedigung und langfristigem Schaden. Zum Beispiel sich Schämen, den Partner belügen, viel Geld sinnlos ausgeben, Schulden, Alkoholsucht etc.

Vielmehr hat das Gehirn den sofortigen Zusammenhang gelernt zwischen Problem und Lösung. Diese Nervenzellen sind aneinander gekettet, so wie auch beim Fahrradfahren oder beim Schwimmen bestimmte Lernprozesse im Gehirn gespeichert werden und NIE wieder vergessen werden.

Ja, ihr lest richtig. Ihr werdet NIE wieder vergessen, wie euch Alkohol, Daddeln, Gras, Sex, Süßes oder sonstwas geholfen hat, eure Probleme und Spannungen kurzfristig zu lösen.

Eure Aufgabe ist jetzt, dem Gehirn nach und nach neue Lösungen anzubieten, zum gleichen Ergebnis zu kommen. Das Entscheidende ist das „nach und nach“.

Ihr werdet scheitern, wenn ihr versucht, dem Gehirn sofort alles wegzunehmen, was es bisher gelernt hat. Vielmehr müsst ihr einerseits die Dosis langsam herunterfahren, damit sich euer Gehirn langsam umstellen kann ohne zu rebellieren, und andererseits langsam Alternativen entwickeln.

Dies wiederum erfordert eine gründliche Selbstanalyse, so wie ihr es ja auch in unseren Lavario-Selbsthilfe-Programmen lernt.

Das nächste Mal, wenn ihr mit eurer Sucht aufhören wollt, versucht ihr am besten NICHT, ab sofort oder ab morgen komplett damit aufzuhören!! Es ist aus den gerade dargestellten Gründen sinnvoller, einen Schritt-für-Schritt-Ansatz zur Entwöhnung zu wählen.

Reduziert die Droge, die ihr nehmt, LANGSAM.

  • Wenn ihr z. B. als Fresssüchtige jeden Tag 5000 Kalorien in euch hineinstopft, dann reduziert es erstmal nur auf 4500.
  • Wenn ihr jede Woche 10 Liter Bier trinkt, reduziert erst mal auf 9.
  • Statt 20 Stunden in der Woche im Spielsalon abzuhängen, reduziert ihr es auf 16.
  • Statt 3 Stunden Porno am Tag nur zweieinhalb.

Und in der nächsten Woche reduziert ihr wieder ein klein wenig. Und in der dritten Woche wieder. Solche kleinen Schritte, die könnt ihr schaffen. Und auch beibehalten! Ihr sollt Glücksgefühle bekommen statt Frustrationen, dass ihr es wieder nicht geschafft habt.

Euer Gehirn soll sich langsam an die geringeren Mengen eurer Droge gewöhnen. Was aber jetzt wichtig ist, sind zwei Dinge.

Erstens müsst ihr – wie gerade schon geschrieben – parallel dazu herausfinden, warum ihr überhaupt süchtig geworden seid. Ihr müsst an den Ursachen arbeiten und da einiges in eurem Leben verändern. Sonst bringt das ganze nichts.

Ihr hattet ja Gründe, warum ihr mit der Droge angefangen habt und wenn ihr die nicht versteht und keine Alternativen entwickelt, dann kommt ihr auf Dauer auch nicht weiter. Da hilft dann auch kein guter Wille. Aber dazu schreibe ich demnächst im Blog bestimmt noch eine ganze Menge.

Und das zweite, was jetzt wichtig ist, ist der Unterschied zwischen stofflichen und nicht-stofflichen Drogen und der Unterschied zwischen Klinik und zuhause. Was meine ich damit?

Stoffliche Drogen sind so Dinge wie Heroin, Koks, Tabletten oder Alkohol. Wenn ihr nach so etwas körperlich süchtig seid, dann solltet ihr am besten hier gar nicht mehr groß weiterlesen, sondern euch an euren Arzt bzw. an eine Beratungsstelle und dann ab in eine Klinik zum Entgiften.

Bei Abhängigkeit von stofflichen Drogen kann man im Normalfall nicht schrittweise entwöhnen. Es ist besser – unter ärztlicher Aufsicht, denn sonst kann es lebensbedrohlich werden – einen totalen Entzug zu machen.

Wobei Alkohol wieder ein Sonderthema ist. Langsam wankt auch in Deutschland die Auffassung, dass der totale Entzug und dauerhaft trocken bleiben, das Ziel einer Alkoholsucht-Therapie sein sollte. Der Spiegel hat auch darüber berichtet.

Die Erfolgsquote ist einfach zu schlecht. Im Ausland macht man mit dem Konzept des kontrollierten Trinkens teilweise hervorragende Erfahrungen.

Man muss beim Alkohol unterscheiden zwischen körperlicher Abhängigkeit und mentaler Abhängigkeit. Nur etwa jeder Siebte mit Alkoholproblemen ist körperlich abhängig. Aus meiner Sicht sollte er oder sie dann auch einen totalen Entzug machen und trocken bleiben. Punkt.

85% aller Menschen mit Alkoholproblemen sind aber “nur” mental abhängig und nicht körperlich. Dazu gehört z. B. der Komasäufer, der es sich nur einmal im Monat so richtig gibt. Dazu gehören die vielen Leute, die meinen, nur mit Alk sei man doch erst richtig locker und ansonsten so verspannt.

Bei mentaler Abhängigkeit vom Alkohol gilt wieder das, was ich weiter oben geschrieben habe: LANGSAMES Herunterschalten ist sinnvoller, als von heute auf morgen komplett mit Trinken aufhören.

Und das zweite, was ich dazu noch schreiben wollte, ist folgendes: wenn man in eine Suchtklinik geht, dann ist es natürlich „einfacher“, einfach so, von heute auf morgen, mit dem Zocken, mit dem Alkohol, mit dem Porno, mit dem Fressen oder womit auch immer aufzuhören.

Denn da gebt ihr ja die Kontrolle ab und andere übernehmen eine Zeitlang euer Leben. Da gibt es eben keine Spielautomaten mehr, keine Pornoseiten, kein übermäßiges Essen, kein Alkohol usw.

Und für viele Süchtige wäre das auch die beste Lösung: in eine Suchtklinik und dort erst mal wieder zu Sinnen kommen. Mit Therapeuten in Ruhe all den Schlamassel aufbereiten, in den ihr hineingeraten seid.

Aber ok, diesen Blog schreibe ich ja jetzt für Leute wie euch, die ihr euch warum auch immer nicht traut, eine professionelle Therapie in einer Klinik oder in einer Praxis zu machen. Und in DIESEM Fall ist es eben besser, wenn ihr schrittweise vorgeht, wie eben beschrieben.

Also, ich fasse zusammen: Setzt euch realistische Ziele. Ziele, die ihr auch erreichen könnt. Damit ihr Erfolgserlebnisse habt statt Frust. Damit ihr weitermacht statt aus Frust noch mehr von eurer Droge zu nehmen. Fahrt eure Sucht Schritt für Schritt zurück statt alles auf einmal zu versuchen.

Macht euch bewusst: eine Sucht zu besiegen ist ein langer Weg. Sofort das Ziel zu erreichen ist nicht zu schaffen uns entmutigt auch sofort. Der Rückfall ist praktisch vorprogrammiert.

Wenn ihr aber den Weg zur Suchtfreiheit in ganz ganz viele Schritte unterteilt, dass ist der Weg plötzlich gehbar. Den ersten ganz kleinen Schritt, den könnt ihr gehen, den kann jeder gehen. Der ist nicht so schwierig. Und dann kommt der nächste, wieder ein ganz kleiner Schritt, den ihr auch wieder schafft. Und so geht es weiter und plötzlich seid Ihr tatsächlich am Ziel.

Wichtig ist, dass ihr euch nicht gegen eure Sucht stellt, sondern euch innerhalb eurer Sucht bewegt und die Dosis ein klein wenig reduziert. Immer wieder neu.

Würdet ihr euch gegen eure Sucht stellen, dann hättet ihr sofort starken Widerstand von eurer Seele und eurem Gehirn, wie eingangs beschrieben. Ein echtes Erfolgserlebnis wäre schwerer zu erreichen.

So, das war jetzt aber ein langer Text. Ich verspreche, der nächste wird kürzer 😉 So oft gehen die Selbstversuche ja schief, von der Sucht wegzukommen. Ich habe jetzt mal versucht, einen der Hauptgründe zu erklären, warum das so ist.

Schreibt mir eure Gedanken dazu. Lasst andere an euren Erfahrungen teilhaben…

Frank Lavario, Autor der Lavario Methode

Ein Blog über Sucht und Tipps, was man gegen Sucht tun kann.

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